Frei sein! Von den Zwängen des bürgerlichen Lebens, vom Kapitalismus und der industriellen Gesellschaft. So sah der Traum vieler junger Menschen um 1900 aus – und sie schmiedeten Pläne für den Ausstieg: In Reformkolonien abseits der Städte oder der Einöde begannen einige von ihnen ein alternatives Leben. Die Rückkehr zur Natur und das Leben in Frieden standen im Zentrum, aber auch Gesundheit, Körperkultur und Spiritualität – ein neues Lebensgefühl, das sich eine passende Ästhetik suchen sollte.

Die Ausstellung nimmt das emanzipatorische Potenzial der Lebensreform ab 1900 in den Blick. Gezeigt werden Zeugnisse der unterschiedlichen Reformbewegungen und deren ästhetische Ausformungen in den Bereichen Design, Lebenskultur und Kunst. Der Blick auf die Wegbereiter*innen der Reformen veranschaulicht frühe Denkmodelle, die in heutigen Überlegungen zu Nachhaltigkeit, Gesundheit und Gemeinwohl ihre Fortsetzung finden. Künstlerkolonien und Reformsiedlungen waren Projekte des Ausstiegs aus dem industrialisierten urbanen System und richteten sich gegen die gesellschaftlichen Zwänge der wilhelminischen Zeit. Für die Gründerinnen der Siedlung Loheland bedeutete das Modell außerdem die Möglichkeit, sich als Frauen eine selbständige Existenz zu verschaffen. Die Lebensreform-Bewegung fand ihren Ausdruck in jeglichen Aspekten der Alltagskultur: Vegetarische Ernährung, Ablehnung der bürgerlichen Ehe und alter Geschlechterrollen, Freikörperkultur, und nicht zuletzt in den Medien, mit denen all dies propagiert werden konnte.

Wohin führten die neuen Sichtweisen und welche Ideen erkennen wir heute im Zeitgeist wieder?

In der Kunst und in der ästhetischen Gestaltung finden die Gedanken der Lebensreform ihren sichtbaren Niederschlag, wie etwa in der antiklassischen Kunst des Jugendstils. Für die Ausstellung ist es gelungen, ein Hauptwerk von Gustav Klimt auszuleihen. Mit seiner Nuda Veritas (1899) setzte sich Klimt rigoros über die etablierten Normen der Kunst hinweg. Die Kombination aus Bild und Schrift, die symbolistische Darstellung und die Einbettung der Motive in eine ornamentale Gestaltung – all dies war eine Absage an den vorherrschenden Akademismus. In der Ausstellung wird die enge Verbindung zwischen der Kunst des Jugendstils und den Ideen der Lebensreform-Bewegung in den Blick genommen.  

Die Ausstellung PARA-MODERNE. Lebensreformen ab 1900 beleuchtet die Ideale der frühen Lebensreform-Bewegungen und verfolgt sie weiter durch das 20. Jahrhundert. Wohin führten die neuen Sichtweisen und welche Ideen erkennen wir heute im Zeitgeist wieder? Die Ausstellung beleuchtet darüber hinaus Strömungen, deren esoterische Weltsicht sich zu Theorien von Überlegenheit bestimmter „Menschenrassen“ verstiegen. Gemeinsam mit der Idealisierung des gesunden Körpers führte dies zu völkischen Heilslehren, die als wegbereitend für Eugenik, Antisemitismus und Rassismus gelten müssen. Die Ausstellung veranschaulicht dies am Beispiel Paul Schultze-Naumburgs, dessen ästhetische und politische Radikalisierung lebensreformerischer Ansätze in einen kulturell begründeten Rassismus mündete. In diesem Zusammenhang entsteht eine neue filmische Arbeit von Marcel Odenbach, die eigens für diese Ausstellung produziert wird.

Neben den Entwicklungen in Deutschland und Europa sind es vor allem die Verbindungslinien zur amerikanischen Counter Culture und der Flower-Power-Bewegung, die die Ausstellung zum ersten Mal umfassend präsentiert. Mit einer kulturellen Revolution, die sich gegen konservative Werte auflehnte, gegen den Vietnamkrieg und die Konsumgesellschaft, stehen die Rebell*innen der 1960er Jahre in enger Verbindung zu den Ideen der Lebensreformen um 1900.

#ParaModerne

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